Jeder kann eine Lampe mit einer App einschalten. Das ist keine Kunst. Die Kunst ist Automatisierung. Und damit meinen wir keine simple Zeitschaltuhr, sondern Systeme, die Variablen, Status und Bedingungen miteinander vergleichen, bevor sie Aktionen ausführen. Denn SmartThings kann mehr als nur einfache Routinen.
Samsung SmartThings ist einzigartig in der Smart-Home-Welt. An der Oberfläche ist es eine benutzerfreundliche App. Doch darunter läuft ein leistungsstarker Motor: die Rules API. Was Du in der App zusammenklickst („Wenn dies, dann das“), wird im Hintergrund in komplexen JSON-Code umgewandelt.
Wenn Du verstehst, wie dieser Code „denkt“, kannst Du Dinge bauen, die in Google Home oder Apple Home unmöglich sind. In diesem umfangreichen Artikel erklären wir die vollständige Architektur: von der simplen Scene bis zur komplexen JSON-Regelstruktur.
1. Die Hierarchie: Szenen, Routines und Rules
Um SmartThings zu meistern, musst Du zunächst die drei Arten der Automatisierung verstehen. Sie sehen ähnlich aus, machen aber etwas völlig Unterschiedliches.
A. Szenen (Scenes): Die „Verhaltensfilter“
In der SmartThings-Dokumentation werden Szenen als behavior filters (Verhaltensfilter) für Dein Zuhause beschrieben. Eine Szene ist keine Aktion an sich – sie ist ein Soll-Zustand. Du nutzt sie, um mit einem Schlag eine Gruppe von Geräten richtig einzustellen.
Wie es funktioniert: Szenen haben keine Trigger. Sie tun nichts, bis Du (oder eine Routine) sie aktivierst.
Das Konzept: Du änderst, wie Dein Zuhause auf Basis der Szene reagiert.
Beispiel: Nimm einen Bewegungsmelder im Flur.
- Ist Dein Zuhause im Home Mode (Szene)? Dann schaltet der Sensor die Lampe ein.
- Ist Dein Zuhause im Away Mode (Szene)? Dann schickt derselbe Sensor Dir eine SMS und der Alarm geht los.
- Ist Dein Zuhause im Night Mode (Szene)? Dann geht die Lampe mit 10 % Helligkeit an.
B. Routines (In der App)
Das sind die Automatisierungen, die Du in der App über den Tab „Routines“ erstellst. Sie sind in zwei Arten unterteilt:
Automatic Routines: Das klassische „Wenn-Dies-Dann-Das“. Sie funktionieren auf Basis von Triggern (Zeit, Bewegung, Standort). Im Code im Hintergrund sind das „Rules“.
Manually Run Routines: Das sind Routinen, die Du manuell startest (ein Button in der App, ein Widget oder per Sprache). Sie brauchen kein „Wenn“ (If), nur ein „Dann“ (Then).
C. Rules (Die API)
Das ist, was unter der Motorhaube läuft. Eine „Rule“ nutzt die Rules API, um Geräte und Services zu kontrollieren. Alles, was Du in der App als „Automatic Routine“ einstellst, wird vom Server in eine Rule im JSON-Format übersetzt.
2. Die Anatomie einer „Rule“ (JSON-Code)
Für Experten: Wie sieht so eine Regel im Gehirn von SmartThings aus? Eine Rule ist aus einer Baumstruktur (tree) von Logik aufgebaut.
Eine Rule im JSON-Format enthält immer eine Liste mit Actions.
- Action: Die Aufgabe, die ausgeführt wird (z. B. ein if-Statement).
- Condition: Die Auswertung innerhalb der Aktion (z. B. equals oder lessThan).
- Operands: Die Geräte oder Orte, um die es geht (z. B. Dein contactSensor).
Schauen wir uns ein Beispiel aus der API an. Angenommen, Du möchtest prüfen, ob ein Türsensor offen ist. Der Code sieht (vereinfacht) so aus:
"if": {
"equals": {
"left": {
"device": { "devices": ["ID-Deines-Sensors"], "attribute": "contact" }
},
"right": {
"string": "open"
}
},
"then": [...]
}
Die Übersetzung:
- Action (if): Wir werden etwas vergleichen.
- Condition (equals): Sind die linke und rechte Seite gleich?
- Left Operand: Der Status Deines Türsensors.
- Right Operand: Das Wort „open“.
- Ergebnis: Ist links gleich rechts? Dann führen wir den then-Block aus.
3. Die logischen Operatoren (Conditions)
Um clevere Routinen zu bauen, musst Du wissen, welche Werkzeuge Du hast. SmartThings bietet viel mehr als nur „Ein/Aus“. Hier sind die wichtigsten Conditions aus der API:
Equals (Gleich)
Die Basis. Ist der Schalter „Ein“? Ist der Modus „Zuhause“?
GreaterThan & LessThan (Größer/Kleiner als)
Perfekt für Thermostate oder Dimmer.
Beispiel: Ist die Temperatur GreaterThan 20 Grad?
Achtung: Diese Bedingung bleibt true, solange es 21, 22 oder 23 Grad ist. Die Routine würde also kontinuierlich feuern. Um das zu verhindern, brauchst Du die nächste:
Changes (Ändert sich)
Das ist eine entscheidende Funktion für Fortgeschrittene. Changes schaut nicht auf den aktuellen Wert, sondern auf den Übergang.
Szenario: Du möchtest die Lichter dimmen, wenn der Fernseher angeht.
- Nutzt Du nur Equals: On, sendet die Routine jede Sekunde das Signal „Dimmen“, solange der TV an ist. Das belastet Dein Netzwerk.
- Nutzt Du Changes → Equals: On, passiert es nur einmal: in dem Moment, wenn der TV von aus auf an springt.
Between (Zwischen)
Prüft, ob ein Wert zwischen zwei Punkten liegt.
Beispiel: Ist das Dimm-Level Between 50 und 75?
Specific (Spezifischer Moment)
Wird in Kombination mit der Every-Aktion verwendet. Zum Beispiel: Jeden Tag um 10:55 Uhr.
4. Die Masterclass: Triggers vs. Preconditions
Das ist der komplexeste, aber auch mächtigste Teil von SmartThings. In der App heißt das „Als Bedingung verwenden“. Im Code heißt das „trigger“.
Angenommen, du baust diese Routine: WENN (Bewegung im Flur) UND (Zeit ist nach 23:00) → DANN (Licht an).
In einer Standard-Routine fungieren beide Regeln als Trigger.
- Du läufst durch den Flur → Licht an. (Gut).
- Du sitzt still auf dem Sofa, und die Uhr springt auf 23:01 → Licht an! (Falsch, denn es gibt keine Bewegung).
Um das zu lösen, nutzt Du die Precondition. Im JSON-Code kannst Du pro Bedingung angeben, ob sie ein Trigger sein darf:
- „trigger“:“Always“ (Standard: Das startet die Routine).
- „trigger“:“Never“ (Das ist eine Precondition: Sie dient nur als Filter. Sie kann die Routine niemals selbst starten, sondern nur „erlauben“, dass der Trigger sie startet).
Das korrekte Skript sieht dann so aus:
IF
AND
EQUALS (Bewegungsmelder = Active)
trigger:Always <-- DAS startet die Aktion
EQUALS (Zeit > 23:00)
trigger:Never <-- DAS ist nur eine Prüfung
In der SmartThings-App erkennst Du das am grauen Kreis vor der Regel (Precondition) versus dem farbigen Kreis (Trigger). Durch cleveren Einsatz vermeidest Du „Geister-Schaltungen“ in Deinem Zuhause.
5. Wie richtest Du das ein? (Schritt-für-Schritt)
Du musst zum Glück keinen Code schreiben, um das zu nutzen. Die App übersetzt Deine Klicks in diese Logik.
Eine „Rules API“-würdige Routine erstellen:
- Öffne die SmartThings-App und gehe zu Routines.
- Tippe auf + (Routinen hinzufügen).
- Die IF-Seite (Triggers & Preconditions):
- Füge Dein erstes Gerät hinzu (z. B. Bewegungsmelder). Das ist standardmäßig ein Trigger.
- Füge eine zweite Bedingung hinzu (z. B. „Lampe X ist bereits Ein“).
- Der Knackpunkt: Unten in der Einstellung dieser zweiten Bedingung siehst Du einen Schalter „Als Bedingung verwenden“ (Use as precondition). Schalte ihn EIN.
- Jetzt hast Du die „trigger“:“Never“-Logik angewendet. Die Routine startet nun nie, weil die Lampe an ist, sondern prüft es nur, wenn es Bewegung gibt.
- Die THEN-Seite (Actions):
- Füge die Aktion hinzu (z. B. Schalte Ventilator ein).
- Testen: Klicke auf „Test routine actions“, um zu sehen, ob Deine Logik funktioniert (Achtung: Das testet nur die THEN-Seite, nicht die Trigger).
6. Integration mit Connected Services
SmartThings steht nicht allein. Über die API kannst Du Connected Services aufrufen.
Multi-Admin (Matter): Wie bereits besprochen, kannst Du Matter-Geräte teilen. In der API siehst du, dass ein Gerät mit maximal 5 „fabrics“ (Services) verbunden sein kann.
Third-Party Border Routers: Hast Du einen älteren SmartThings Hub v2 (2015)? Der hat kein Thread. Über die API kannst Du einen Drittanbieter-Border-Router (wie einen Apple HomePod oder Nest Hub) mit Deinem SmartThings-Netzwerk verbinden, solange sie im selben LAN-Netzwerk sind. Du musst dann den „Thread Network Key“ in SmartThings eingeben.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Meine Routine startet nicht, was mache ich falsch?
Das ist der häufigste Fehler bei Fortgeschrittenen: Du warst zu streng mit Deinen Bedingungen. Eine Rule (Routine) braucht mindestens einen aktiven Trigger.
Check: Hast Du bei allen Bedingungen in der „IF“-Liste den Haken „Als Bedingung verwenden“ gesetzt? Dann startet die Routine nie, weil nichts den Startschuss gibt (im Code steht dann alles auf „trigger“:“Never“).
Lösung: Stelle sicher, dass das wichtigste Ereignis (z. B. „Bewegung erkannt“) nicht als Bedingung markiert ist. Das muss der Trigger sein.
2. Funktionieren diese komplexen Regeln auch ohne Internet?
Ja, in den meisten Fällen schon. Automatisierungen, die auf Zigbee-, Z-Wave- oder Matter-Geräten basieren und auf einem SmartThings Hub (oder kompatiblen Samsung TV) laufen, werden lokal gespeichert. Das heißt Local Execution.
Vorteil: Sie sind blitzschnell und funktionieren auch, wenn Dein WLAN mal ausfällt.
Ausnahme: Routinen, die von Cloud-Diensten abhängen (wie „Wenn es draußen regnet…“ oder „Wenn mein Nest Thermostat…“), brauchen immer Internet.
3. Kann ich den JSON-Code in der App sehen oder bearbeiten?
Nein, die SmartThings-App ist die visuelle „Hülle“. Du kannst darin nicht direkt Code tippen. Möchtest Du wirklich mit dem rohen JSON programmieren (wie in den Beispielen oben)? Dann musst Du die SmartThings API über einen Webbrowser oder Tools wie Postman nutzen. Für 99 % der Nutzer bietet die App jedoch genug Optionen, um dieselbe Logik über die grafische Oberfläche zu bauen.
4. Können meine Mitbewohner meine Routinen bearbeiten?
Ja, wenn sie Mitglied Deines „Standorts“ in der SmartThings-App sind, können sie Routinen sehen und bearbeiten.
Achtung: Wenn Du über die API (für Entwickler) eine spezifische Rule installierst, kann oft nur der Eigentümer (Du) diese ändern. Für Routinen, die einfach in der App erstellt wurden, gilt, dass jeder mit Zugriff auf das Zuhause sie ändern kann.
Fazit: Du bist der Programmierer
SmartThings gibt Dir mit den erweiterten Routinen via Rules API die Schlüssel zur Hintertür Deines Smart Homes. Während andere Apps Dich vor Komplexität schützen, umarmt Samsung sie. Indem Du den Unterschied zwischen einer Changes-Bedingung und einer Precondition verstehst, verwandelst Du Dich von einem Nutzer, der auf Knöpfe drückt, in einen Architekten, der ein intelligentes System baut.
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